Excerpt for Galerie (Deutsche) by , available in its entirety at Smashwords



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GALERIE

Copyright © 2018 Steven Greenberg

Cover Artwork Copyright © 2018 Mallory Rock

Innengestaltung von D. Robert Pease

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Published by Evolved Publishing LLC at Smashwords

ISBN: 1622532198

ISBN-13: 978-1-62253-219-3

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Redaktionsassistentin: Michelle Barry

Leitender Redakteur: Lane Diamond

Übersetzer: Torsten Simon

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eBook Lizenzhinweise:

Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Erlaubnis in irgendeiner Weise benutzt, reproduziert oder weitergegeben werden, außer bei kurzen Zitaten in kritischen Artikeln und Rezensionen oder in Übereinstimmung mit Bundesgesetzen über eine angemessene Verwendung. Alle Rechte vorbehalten.

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Ausschluss:

Dies ist ein fiktives Werk. Namen, Charaktere, Orte und Handlung sind Produkte der Fantasie des Autors, oder der Autor hat diese fiktiv benutzt.


Enfold Me

Galerie

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Für Segev—den besten Reisebegleiter, Forscher, Redakteur, Handlungsberater und Sohn, den man nur haben kann.


Contents


Titelseite

Copyright

Widmung

PROLOG

BUCH I

Kapitel 1 - Süße

Kapitel 2 - Willkommen in Prag

Kapitel 3 - Ein Schulmädchen aus Kladen

Kapitel 4 - Hartnäckigkeit

Kapitel 5 - Moe

Kapitel 6 - Seelenlos

Kapitel 7 - Notfallplan

Kapitel 8 - Zvi

Kapitel 9 - Etwas Zerbrochenes

Kapitel 10 - Der Golem

Kapitel 11 - Überprüfung

Kapitel 12 - Theresienstadt

Kapitel 13 - Die Lüge

Kapitel 14 - Die Baracken

BUCH 2

Kapitel 15 - Schleusen

Kapitel 16 - Respekt

Kapitel 17 - Drückende Stille

Kapitel 18 - Doppelter Erfolg

Kapitel 19 - Resignation

Kapitel 20 - Kunst

Kapitel 21 - Die Straße der gelben Ziegel

Kapitel 22 - Plan X

Kapitel 23 - Das Leben an sich

Kapitel 24 - Gegenseitige Interessen

Kapitel 25 - Verrat

Kapitel 26 - Galerie

Kapitel 27 - Keine Fragen

EPILOG

Diskussionen für Buchclubs

Danksagung

Anhang

Bibliografie

Über den Autor

Was kommt als Nächstes?


Prag, 1943

Trotz der feuchten Novemberkälte des Kellerraums war der Junge schweißgebadet. Er stieß seinen Atem keuchend wie Nebel hervor, als er hin und her schaukelte, sein Gesicht zwischen spindeldürre Knie gepresst, die aus seiner abgetragenen Hose wie zwei schwach leuchtende Straßenlaternen in einer ansonsten dunklen Allee hervortraten. Er hatte sich zu einem Ball zusammengezogen, indem er seine Beine mit seinen spindeldürren Armen so eng umschloss, dass sich die Spitzen seiner schmutzigen Finger weiß verfärbt hatten.

Er hatte schon mehr gesehen, als ein Zwölfjähriger hätte sehen sollen, abgesehen davon, es selbst durchzumachen.

Er erfasste die einzelnen Details der Szenerie, von denen viele für sich genommen schon vertraut waren: der Tisch, die flackernde nackte Glühbirne, die wie an einer Nabelschnur von der Decke hing, die scharfen und verschiedenartigen Werkzeuge seines Vaters.

Das waren vertraute Bilder gewesen, aber als sein Vater zur Seite getreten war und nicht mehr länger das Sichtfeld des Jungen versperrte—da war das Gesamtbild unbegreiflich größer als die Summe seiner einzelnen Teile geworden. Da war ihm das Herz aus seiner dürren Brust gesprungen und hatte seinen in abgewetztem Leder steckenden Füßen befohlen, zu laufen, laufen, LAUF!

Und er war gelaufen. Zurück zum leeren Kellerraum mit seinen Steinwänden, die im Sommer schwitzten und im Winter Kälte abgaben. Er hatte hier unten im Keller mehr Zeit verbracht, als das Wetter kälter, regnerischer und düsterer geworden war. Da es nicht mehr möglich war, draußen im kleinen, schmuddeligen Hinterhof des Gebäudes zu spielen, hatte er das weitgehend leer stehende Gebäude in seinen eigenen, persönlichen Spielplatz verwandelt. Von den Winkeln seines jetzigen unterirdischen Schlafplatzes bis hoch zu den Dachkammern, deren kleine Dachfenster, die perfekt miteinander übereinstimmten, einen Ausblick auf gelegentlich vorbeigehende Passanten auf der schmalen, gepflasterten Straße unterhalb boten—der Junge kannte das mit Kalkstein verkleidete Gebäude in- und auswendig.

Jetzt näherte er sich immer mehr der Hauptabwasserleitung des Gebäudes, die eine immer wohltuende, schwache Wärme bot, solange er sich nicht an ihrem Ursprung aufhielt. Er durfte nicht in der Nähe der Werkstatt seines Vaters im zweiten Untergeschoss sein, was mehreren Stockwerken unterhalb seiner jetzigen Zuflucht entsprach. „Geh niemals durch diese Tür, verstehst du? Versprich es mir.“ Sein Vater hatte es ihn versprechen lassen, laut.

Und er passierte nie die Metalltür mit dem eingravierten Symbol darauf, die zur hell erleuchteten Treppe führte, die sich steil nach unten wand. Jedoch fühlte er sich in seinem Alter von zwölf Jahren ohne andere Menschen in seiner Umgebung einsam und gelangweilt, ganz zu schweigen von seiner andauernden Neugierde. Er hatte nicht lange gebraucht, die breiten Luftschächte zu finden, durch die er sich heimlich durch das ganze Gebäude bewegen konnte, hinunter in den Keller, in dem er sich nun versteckte und sogar in das massive zweite Untergeschoss. Heute war die Tür zur Werkstatt offen gelassen worden—so unwiderstehlich—gerade weit genug, dass ein kleines Auge durch den Spalt hindurchsehen konnte ....

Sein Atem verlangsamte sich und er hob zaghaft seinen braungelockten Kopf, öffnete zuerst ein Auge, dann das andere, und prüfte, ob seine Umgebung sicher war. Der kleine aus Stein gebaute Lagerraum war leer und er war alleine. Für den Moment.

Er war in den ersten Monaten ebenfalls alleine gewesen. Vater hatte zwischen den langen Stunden in seiner Werkstatt und seinen anscheinend fortwährenden Angelegenheiten mit dem Mann, der mehrmals am Tag vorbeikam, keine Zeit für ihn gehabt. Der Mann erschien in seinem schwarzen Wollmantel, seinem Filzhut, Lederhandschuhen und dem silbernen Anstecker an seinem Revers, der das gleiche Symbol wie die Tür trug, königlich und aufrecht. Vater erwies dem Mann immer Respekt und Dankbarkeit und ließ den Jungen sich ebenfalls so verhalten, da der Mann Mutter zurückbringen würde, falls sie höflich waren und hart arbeiteten. Sie war in Theresienstadt zurückgelassen worden, blieb jedoch warm und in Sicherheit.

Die Anfänge eines Lächelns zeigten sich auf den aufgesprungenen Lippen des Jungen. Zumindest bald würde er nicht mehr alleine sein. Mehr Leute würden kommen. Das taten sie immer. Er mochte es, sie kennenzulernen, diese neuen Leute. Sie waren nett und voller Hoffnung, und sie erzählten mit lustigen Akzenten Geschichten, die er manchmal nicht verstehen konnte, und sie hatten merkwürdige Kleidung und Gerüche an sich. Er stand auf, klopfte sich den Staub von seinem Hosenboden und ging in Richtung Tür.

Als er den Raum verließ, drehte er sich um und sah zurück. Das Strahlen kindlicher Neugier begann gerade, sein dunkles Antlitz zu verfinstern. Er stellte sich den Raum wieder voll mit Stimmen, Gerüchen und Hoffnungen vor. Ja, dachte er, jetzt breit lächelnd, neue Leute würden alles so viel besser machen.



Prag, Dezember 1991

Eine klapprige Straßenbahn fuhr vorbei, ihr unlackiertes Metalldach passte nicht zu ihren rot getäfelten Seiten. Zwei Scheinwerfer spähten durch die frühe Dunkelheit wie schlangenartige Augen, als sie unter dem Gebäude hervorkam und an Vanesa Neuman vorbeifuhr. Von ihrem Sitzplatz im Schatten der vier Säulen der Salvatorkirche aus verschwand das Quietschen der Räder der Straßenbahn, von einer dünnen Schneedecke gedämpft, so schnell wie sie vorbeifuhr. Nur der beißende Geruch von Elektrizität vom Gewirr der Oberleitungen blieb zurück, als ob er die Erinnerung an ihn bewahren wollte.

Denn Prag im Jahre 1991 war wie eine Erinnerung, sagte sie mir, noch bevor sie Tel Aviv verließ—und keine gute Erinnerung. Sie war nie zuvor in der Stadt gewesen und hatte nie vorgehabt, dorthin zu fahren. Sie hatte alles, was sie hören musste, über die Jahre hinweg von ihrem Vater gehört. Sie wusste, was sie wissen musste, und hatte nie das Bedürfnis verspürt, mehr über die Stadt zu erfahren. Ihr ganzes Leben lang hatte sie von der Schönheit Prags gehört. Prags Mystik, Prags ereignisreiche Geschichte, Prags atemberaubende Architektur, Prags heimtückischer Verrat und Prags langsamer Abstieg, ausgehend von Diskriminierung, über Verfolgung hinweg, hinunter zu unmenschlichen Sphären aus Elend, Schmerz und Tod.

Nein danke, dachte sie. Kein Bedarf, diesen Ort zu sehen.

Und dennoch war sie hier und, verdammt, es war spät. Sie muss am richtigen Ort sein, denn es gab nur eine Salvatorkirche in Prag, in der Straße Krizovnicka, gegenüber der prägenden Karlsbrücke. Er sollte sie genau hier treffen, im Schutz der massiven Säulen der Kirche, um 17 Uhr. Die teilnahmslosen Augen der sechs Marmorstatuen über Vanesa, in frischen Schnee gehüllt, sahen verächtlich auf sie hinab. Es war schon 17:30 Uhr und fast vollkommen Dunkel. Sie, und die Statuen, warteten immer noch.

Tief in dunkle Mäntel und Schals gehüllt strömten Passanten vorbei. Die Straßenlampen flackerten weiterhin, wie auch die bunte Weihnachtsdekoration, die zwischen den Lampenpfosten aufgehängt war, und sie warfen auf gefährliche Weise Schatten in den Weg entgegenkommender Skodas.

Vanesa zwängte sich tiefer unter den armseligen Schutz, den ihr die Säulen boten. Sie türmten sich wuchtig über ihr auf, ihre Bedrohlichkeit wurde durch die Urlaubsatmosphäre in der Stadt nicht gemindert. Sie zog ihren langen Wollmantel enger um ihre zierliche Figur und ihren Hut weiter über ihre Ohren herunter, was ihre dunklen Locken in verrückten Winkeln abstehen ließ. Sie schlotterte immer noch und stampfte halbherzig in einem verzweifelten Versuch, sich warm zu halten, mit ihren Stiefeln auf.

Sie hatte nie wirkliche Kälte kennengelernt. In einem Leben im fast ganzjährigen Sonnenschein Tel Avivs war Kälte—zumindest beißende Kälte, wie die Dezemberluft in Prag—etwas Unbekanntes. Kälte in Tel Aviv kniff nur leicht. Die Kälte der Golanhöhen, die sie während ihres Wehrdienstes kennengelernt hatte, schnappte an dein Kinn und betäubte deine Ohrläppchen und Zehen. Die feuchte Kälte Jerusalems konnte einem tatsächlich in die Knochen kriechen. Die Kälte Prags klammerte sich jedoch fest und nagte an einem, wie ein Piranha, der in ein Aquarium eingetauchten Fingerspitzen nachjagt.

Sie hatte nicht herkommen wollen, wie sie mir sagte, in dieses Land, in dem die Familie ihrer Eltern mehr als 500 Jahre lang gelebt hatte, in dieses Land, in dem ca. 85% der Juden ausgerottet worden waren, an Orten, von denen sie gelesen oder von denen sie aus leisem Geflüster auf Tschechisch, wenn ihr Vater mit Freunden oder Kunden in seinem Geschäft sprach, erfahren hatte.

„Natürlich erinnere ich mich an Luba!“, sprudelte es entweder aus ihm oder einem Freund heraus, wenn sie mit einer gerade festgestellten gegenseitigen Bekanntschaft konfrontiert wurden. Dieser Freude ging unvermeidlich ein verstehendes Zwinkern voraus, ein subtiles Nicken in ihre Richtung und ein Senken der Augen, wenn der eine oder andere wissend die Worte flüsterte—normalerweise „Auschwitz“, jedoch manchmal „Maly Trostenets“, „Sobibor“, „Izbica“ oder einfach nur „die Transporte“.

Sie war nicht aus einem Wunsch heraus nach Prag gekommen, sondern aus einem Bedürfnis heraus—ein Bedürfnis, das sie dazu brachte, an dieser eisigen Straßenecke zu warten, um sich mit einem Mann zu treffen, den sie nur durch Onkel Tomas kannte, und dessen rasselnde, gebieterische Stimme sie nur kurz bei einem verrauschten Auslandstelefonat gehört hatte. Sie musste dem Geschenk ihres Vaters auf seinem Sterbebett einen Sinn geben, die riesige Leere füllen, die sein Leben während des Krieges war. Sie musste diesem Mann, der sie nach dem Tod ihrer Mutter aufgezogen hatte, ein Gesicht geben—ein Gesicht, das nicht vom hellen Sonnenschein Tel Avivs beleuchtet wurde, sondern eher vom selben verlöschenden wintergrauen Licht Böhmens, das gerade nun ihr Gesicht beschien.

Sie seufzte. Ihre Hauptkontaktperson in Prag zeigte sich nicht und ließ sie als einsame Schauspielerin in einer langsam verblassenden Straßenszenerie zurück.

Eine Straßenbahn rumpelt vorbei, erzählte sie sich selbst in einem Versuch, ihre Langeweile zu bekämpfen und die Kälte zu vergessen. Eine kaputte Straßenlaterne flackert. Touristen gehen langsam über die Karlsbrücke, dicht gefolgt von Künstlern, die ihre Waren in clever entworfenen Wagen hinter sich herziehen. Eine weitere Straßenbahn, dieses Mal mit einem quietschenden Rad. Einsatz: mehr Autos. Einsatz: Fußgänger. Ein Junge auf einem Fahrrad kommt und rutscht im ungleichmäßig verteilten Schnee aus. Immer weniger Fußgänger jetzt. Endlich, nach einem quälend langsamen Ausblenden, gehen die Lichter aus, auf der Straße wird es still. Der Vorhang fällt.

Um 18:15 Uhr gab sie auf und drehte sich um, um den halben Kilometer zu ihrem Hotel am Altstädter Ring zurückzugehen. Auf halbem Weg die Straße Platnerska hinunter konnte sie schon die ungleichmäßigen Zwillingstürme der Kirche St. Nikolaus sehen, die über den restlichen Gebäuden und kahlen Bäumen hervorlugten. Ihre Schritte, gelegentlich auf Stellen festgetretenen Schnees quietschend, hatten angefangen, in der verlassenen Straße widerzuhallen.

Anders als in Filme, wie sie mir später erzählte, hatte sie keine anderen Schritte gehört. Sie hatte nie eine schattenhafte Gestalt ausgemacht, die ihr folgte, hatte nie einen verdächtigen Wagen mit einer Gestalt mit dunklem Hut gesehen, die verstohlen in ihre Richtung sah, als sie vorbeifuhr. In dem einen Moment ging sie einfach nur und im nächsten wurde sie in die Allee gezogen.

Zwei Männer, beide kahl, beide in hohen, schwarzen, militärisch aussehenden Stiefeln ergriffen sie. Einer stank nach Knoblauch, der andere nach Alkohol, wahrscheinlich Wodka. Als sie von der Straße weg waren, ergriff sie Knoblauch von hinten, fixierte ihre Arme auf dem Rücken, sein widerlicher Atem in ihrem Nacken. Wodka legte eine kalte Hand über ihren Mund. Sie ignorierten ihre bemerkenswerten, jedoch vergeblichen Versuche sich zu wehren und zogen sie tiefer in die Allee hinein und durch einen niedrigen Eingang hindurch, in etwas, was dem widerlichen Gestank nach zu urteilen ein Müllraum sein musste. Eine Metalltür fiel ins Schloss und schnitt abrupt alle Reste der Geräusche der Stadt ab, die über Vanesas stummem Kampf hörbar gewesen waren.

Als ihr Vater ihr gesagt hatte, dass ihre Mutter gestorben war, eines nachts einsam in der Sterilität des Sourasky Medical Center in Tel Aviv, hatte Vanesa nicht geweint. Sie hatte auch nicht bei der Beerdigung geweint, ebenfalls nicht während der Schiv‘a—der traditionellen siebentägigen Zeit der Trauer. Sie war nie ein „emotionales Mädchen“ gewesen, wie sie mir sagte, weil sie es immer gewusst hatte—und häufig daran erinnert wurde—dass, was auch immer sie momentan bekümmerte, im Vergleich mit den Erfahrungen ihrer Eltern verblasste. Welches Recht hatte sie, ein Mädchen, das immer etwas zum Anziehen und zu essen hatte, sich gegenüber zwei Überlebenden des Holocaust zu beklagen ... über irgendetwas? Wer war sie schon, über ein verlorenes Spielzeug zu trauern, eine angestoßene Zehe, eine Beleidigung, auch über einen einzelnen Todesfall, da ihre Kindheitserinnerungen genauso von den Geistern der Vergangenheit ihrer Eltern bevölkert wurden wie von den Lebenden?

„Also focht ich seit frühester Jugend epische Kämpfe mit Tränen aus“, sagte sie. Sie hatte gewonnen, es war jedoch ein Pyrrhussieg gewesen. Die Tränen wollten nicht mehr zurückkommen wenn sie erst einmal besiegt waren, nicht einmal, wenn sie gebraucht wurden.

Nur Onkel Tomas hatte es geschafft, der trockenen Quelle der zwölfjährigen Vanesa ein paar Tränentropfen zu entlocken. Onkel Tomas, mit seinem Wollmantel, der in jenen Tagen immer irgendwie nach Aas gerochen hatte, und der verblassenden blauschwarzen Nummer auf seinem Unterarm, die sie sich vor langer Zeit gemerkt hatte—A-25379. Seine steife germanische Art war, wie sie glaubte, nur ein gefrorener Schutzpanzer, den die mediterrane Sonne noch nicht abgetaut hatte. Ihr Vater schien Onkel Tomas abwechselnd zu verachten und widerwillig zu bewundern, da er ihn immer auf Armabstand hielt, jedoch nie weiter weg. Trotz seines Familienstatus als nächster lebender Verwandter war Onkel Tomas nicht einmal ein wirklicher Verwandter, sondern eher der Geschäftspartner ihres Vaters, Mitbesitzer des beengten Ladens in der Straße Nahalat Binyamin im Arbeiterviertel Florentin im Süden Tel Avivs.

Die Tränen waren auch nicht freiwillig zurückgekehrt, als ihr Großvater Jakub vier Jahre später starb. Man hatte ihn zusammengesackt über seiner Werkbank im schmuddeligen Hinterzimmer des Ladens gefunden, eine einzelne nackte Glühbirne spiegelte sich in seinem Schabewerkzeug aus Edelstahl, das er immer noch in einer Hand umklammerte, seine Stirn ruhte leicht auf seiner anderen Hand.

Und wieder konnte sie nur in der Geborgenheit von Onkel Tomas‘ steifer Umarmung trauern, als ob er einen geheimen Schlüssel zu den Schleusen ihres Schmerzes hätte. Dankenswerterweise war er bei seinen Verpflichtungen als Torwächter immer gütig gewesen.

Wenn ihre Eltern wie geschlossene Bücher waren, war ihr Großvater für Vanesa eine verschlossene Bibliothek gewesen, ein Sperrbereich, der durch bunt gestrichene Stahlgitter, dekorativ an ihrer Oberfläche, jedoch im Grunde bedrohlich, abgesperrt war. Vanesa hatte nie jemand stilleren kennengelernt, aber er lächelte immer herzlich, wenn sie nach der Schule auf ihrem Nachhauseweg im Laden vorbeikam, da sich die Wohnung der Familie nur ein Stockwerk darüber befand. Er sah von was auch immer er gerade schabte, dehnte oder schnitt mit einem zerstreut wirkenden Lächeln auf, als ob er etwas vergessen hatte und ihr Erscheinen auf angenehme Art sein Gedächtnis wachrüttelte—ein vager „Aha!“-Moment. Dann senkte er seinen Kopf, widmete sich wieder wortlos seiner Arbeit und ließ sie im Laden umherstöbern, bis sie die Bonbons, die er jeden Tag an anderen Orten versteckte, gefunden hatte.

„So habe ich gelernt, sowohl im Laden, als auch in meinem Leben, an der Stille vorbeizusehen und das Gute zu finden“, sagte sie mir.

Jedoch gab es nichts Gutes in dem, was Wodka und Knoblauch Vanesa in jenem dunklen Müllraum in Prag antaten, wie es auch nichts Gutes am vorzeitigen Tod ihres Vaters im Alter von 60 Jahren, gerade sechs Monate zuvor, gab.

Nichts Gutes, und noch immer keine Tränen.


Prag, Dezember 1991

Sie schleuderten Vanesa auf den kalten Betonboden. Sie glitt rückwärts über eine gefrorene Schicht Flüssigkeit, die aus dem Müll stammte, bis ihr Hinterkopf an eine dreckige Backsteinwand anschlug. Ein ungesundes Klonk ließ ihre Zähne aneinanderschlagen.

Ihr Kopf wurde langsam wieder klar und eine bedrohliche Stille folgte. Ihre Augen passten sich dem Halbdunkel an und fingen Lichtstrahlen ein, die an der verrosteten Metalltür vorbeiglitten.

Die beiden schwerfälligen Silhouette türmten sich über ihr auf. Das Licht fiel so hinter ihnen ein, sodass sie das Hakenkreuz sehen konnte, das auf einen Nacken tätowiert war, als er sich umdrehte. Keiner der beiden bemühte sich, sein Gesicht zu verbergen. Sie starrten sich an, als ob sie von ihrem bisherigen Erfolg sehr beeindruckt wären, aber sie schienen unsicher zu sein, was sie nun tun sollten. Knoblauch übernahm schließlich die Führung und sprach in akzentfreiem Tschechisch.

„Also, Schlampe, Fräulein ...“ Er sah auf seine Handfläche, als ob er lesen wollte, was dort stand, entschied sich jedoch, es nicht auszusprechen. Er sah zur Unterstützung zur Seite und Wodka an, drehte sich wieder zu Vanesa, lächelte—dabei zeigte er eine große Zahl krankhaft schwarzer Zähne—und nahm eine fast formelle, rednerische Stimme an. „Oh ... willkommen in Prag, dem Juwel Böhmens. Als Teil des Willkommenspakets unserer Stadt für hier eindringende Fotzen wie dich, würden wir dir gerne bestimmte örtliche Regeln und Gebräuche näherbringen. Die allererste Regel ist, dass zu viel Neugier die Leute nerven kann.“ Er spuckte in ihre Richtung und drehte sich wieder zur Bestätigung zu Wodka.

Wodka nickte weise, er rieb seine Hände vor unverhohlener Vorfreude.

Vanesa drückte sich fester an die feuchte Kälte der Backsteinwand, die ihr ein wenig Beruhigung gab, einfach nur aus der Tatsache heraus, dass sie nicht groß, muskulös und bedrohlich war und keine Hakenkreuz-Tätowierung trug.

Knoblauch fing an, seinen Gürtel auszuziehen, und sah mit lüsterner Befriedigung zu Wodka zurück. Da ihr Trotz nun durch deutlich sichtbare Angst verdrängt wurde, war er mit sich zufrieden und machte weiter. „... und Leute in Prag zu nerven, hat, historisch gesehen, ziemlich unangenehme Konsequenzen, wie du vielleicht weißt.“

Prosim“, stotterte sie auf Tschechisch. „Bitte ....“

Als die beiden Männer Vanesa näherkamen verließ das verbleibende tiefschwarze Licht den übel riechenden Raum wie ein letzter feierlicher Atemzug.

Wisconsin, 1981

Als ich zum ersten Mal Vanesa Neuman traf, hatte sie mehr Fragen als Antworten und eine deutliche Bereitschaft sie zu stellen. Ich machte einmal den Witz, dass ihre wirklich unersättliche Neugier sie zu einer Art bodenlosem intellektuellem Krater machte, der alles verschlang, was hineingeworfen wurde. Sie lebte ihr Leben aus Fragen in einer Art Bewusstseinsstrom, bei dem eine Frage unausweichlich zur nächsten führte. Eine Diskussion über abblätternde Farbe konnte sich leicht in Platons Höhlengleichnis auflösen, zurück zum Innenleben von Moskitos führen, hinüber zur Begründetheit der Restaurantpreise dieses Abends schnellen und danach bei einem Teilgebiet mongolischer Falknerei enden.

Mit den Jahren fiel Vanesas Frage-Antwort-Rate langsam ab. Wie Fanatiker, Technokraten, Taxifahrer und klinisch Geistesgestörte erhielt sie zu viele Antworten. Man schob ihre Fragen beiseite, als ob ihre intellektuelle Kapazität begrenzt gewesen wäre. Und sie entfernte sich immer mehr von mir.

Nichtsdestotrotz verblasst der Einfluss mancher Menschen, die jemandes Lebensweg kreuzen, niemals vollständig. Im Sommer 1981, mehr als ein Jahrzehnt bevor ich das Wort „Galerie“ überhaupt hörte, wurde Vanesa zu solch einem Menschen.

Ich war ein ach-so-ernsthafter, neunzehnjähriger Universitätsstudent, der in einem Zeltlager in den Wäldern zwei Autostunden nördlich von Chicago als Betreuer für Kinder im High-School-Alter arbeitete. Das großzügige Gelände des Lagers schmiegte sich an den Rand eines immer noch bewaldeten, jedoch immer städtischer werdenden Gebiets, das ungewollt auf einer Seite entstanden war. Auf der anderen Seite erstreckte sich ein dichter Wald, in dessen Tiefen sich nicht einmal die abenteuerlustigsten Camper wagten. In östlicher Richtung umschloss das Gelände einen schlammigen See mit dort angefahrenem Sandstrand, der sich eines Rennboots und Katamarans brüstete, ganz zu schweigen von einer großen Anzahl an Kanus und Paddelbooten, die dafür bekannt waren, nur die Illusion von Bewegung zu vermitteln.

Donna, die Herrin des Ufers, gebot über den See. Ihr Wort, unausweichlich mit einem trommelfelldurchbohrenden Pfeifen verstärkt, war endgültig—genauso endgültig, wie respektlos gemunkelt wurde, wie ihr gewaltiger Hintern, der angeblich ein kleines Kätzchen zerquetscht hatte, das die bedauerliche Entscheidung getroffen hatte, zufällig auf dem Hochstuhl der Rettungsschwimmer zu schlafen.

Vanesa war eine richtige Sechzehnjährige, ein Mitglied in der ältesten Gruppe, bei der ich Mitbetreuer für eine der Jungenhütten war. Sie war in ihren Chucks 1,62m groß, kleiner und etwas molliger als die Madonna-Nachahmerinnen in ihrer Hütte. Aber man konnte das Feuer in ihr direkt spüren—durch die Art, wie sie einen ohne das kleinste Zögern ansah, ohne eine Spur von Selbstbewusstsein, mit der sie einen wie ein Bezirksstaatsanwalt befragte und dann wie ein Scharfrichter im Wilden Westen ihr Urteil fällte. Sie hatte eine gewisse Art, ihre dunklen, schulterlangen Locken herumzuwerfen, wenn sie stritt, ihre schmalbrüstige Gestalt einzudrehen, um jemanden anzugreifen, wenn sie sprach—als ob nicht nur ihr Geist, sondern ihr ganzer Körper ihren Standpunkt unterstreichen wollte.

Ich verliebte mich direkt in sie und bin es bis zum heutigen Tage—weniger wegen dem, was sie wurde, als wegen dem, was sie immer noch für mich ist, natürlich eine Sechzehnjährige.

Meine pickelgeplagten, hyper-hormongesteuerten, aber dennoch lobenswerterweise wenig erfahrenen Camper—es waren schließlich die 80er—wohnten für die Dauer jeder einmonatigen Zeltsaison mit meinem Mitbetreuer und mir in einer klapprigen Holzhütte. Die Hütte—der Zeltlagerprospekt nannte sie „rustikal“—hatte Fenster, die nur aus Fliegengittern bestanden, die ziemlich effektiv darin waren, die Moskitos in der Hütte zu halten, Lücken in den Bodenbrettern, die breit genug waren, allen Spinnen und sonstigem Ungeziefer Einlass zu bieten, und eine Tür, deren ungeheure Schwungkraft sie mit einem Knall zufallen ließ, der laut genug war, dem Finale der Ouvertüre 1812 zur Ehre zu gereichen.

Da Teenager eben Teenager sind, mangelte es meinen Campern an Interesse an so ziemlich allem, außer Sport und Mädchen. Also fühlte ich mich in meiner Freizeit dazu hingezogen, mit den Camperinnen zu reden. Romatisch gesehen waren sie für mich strengstens tabu und ich hielt mich an die Regeln des Zeltlagers, aber welcher heterosexuelle Neunzehnjährige würde nicht die kriecherische Bewunderung, so ernst gemeint sie vielleicht auch war, eines Pulks von Mädchen, die sehr an Jungs interessiert waren, genießen?

Vanesa drang nicht zum inneren Kreis der Intrigen der Mädchenhütte vor. Sie war auch nicht nah dran. Stattdessen fiel sie mir auf, als ob sie drei Meter über ihnen stehen würde. Sie saß etwas entfernt, las und schrieb etwas in ein Tagebuch, das sie auf einem einfachen Spiralblock führte—kein prätentiös verschlossenes und mit Schnickschnack geschmücktes Mädchentagebuch—oder sie sah einfach nur in den Himmel, während ihre sanft gewölbte Nase flatterte, als ob sie ihre Wangen treffen wollte, die sich gerade die richtigen Reste an Babyspeck erhalten hatten. Sechzehn, perfekt und unerreichbar—ich war schließlich einer der Mitarbeiter—und sie war eine Camperin aus Israel.

Romantisch gesehen gab es keine Hoffnung. Zumindest dachte ich das in jenem Sommer.

Vanesa war in Israel geboren, eine echte Sabra, was sie für einen jungen amerikanischen Juden wie mich noch anziehender machte. Ihr Vater Michael Neuman war von Tschechien nach Israel immigriert, was ihre beeindruckende Beherrschung nicht nur des Hebräischen und Englischen, sondern auch des Tschechischen, was sie zu Hause sprach, erklärte. Das erklärte auch ihren wirklichen Namen, Limor, den sie nur in Israel benutzte—so sagte sie es mir jedenfalls damals. Vanesa war eigentlich der Name ihrer Mutter. Sie sagte, sie hätte ihn angenommen, weil „er für eure amerikanischen Ohren und Zungen einfacher ist“.

Später fand ich den wirklichen Grund heraus, aber für mich blieb sie immer Vanesa.

Prag, Dezember 1991

Mit geöffnetem Gürtel und aufgeknöpfter Hose fuhr Knoblauch fort. „In Übereinstimmung mit Regel Nummer eins—welche, wie du dich sicher erinnern wirst, ist, dass es Konsequenzen hat, Leute in Prag zu nerven—haben wir eine Nachricht für dich. Eine wichtige Nachricht“, fuhr er fort. Er nickte Wodka zu, der Knoblauchs Beispiel folgte, und auch seinen Gürtel öffnete. „Du siehst, wenn du in Prag den falschen Leuten auf die Nerven gehst, kannst du ganz schön in der Patsche landen.“ Er lächelte und nickte in Wodkas Richtung. „Und nicht nur irgendeine Patsche, sondern eigentlich ganz schön in der Pisse.“

An dieser Stelle begannen beide Männer, als sie ihre Gürtel geöffnet und ihn in die Hand genommen hatten, auf Vanesa zu urinieren. Dampf stieg von den starken Strahlen auf, als sie laufen ließen und dabei lachten.

Sie kauerte stumm da, zog sich von ihnen zurück, presste sich in eine Ecke des Raums und versuchte, ihr Gesicht und ihren Kopf von diesem unnachgiebigen, kränklich-warmen Sturzbach zu schützen. Es war sinnlos. Ihr Gesicht, ihre Haare und ihr Oberkörper waren in Sekundenschnelle durchnässt. Ein unpassender Gedanke, wie viel die beiden wohl getrunken haben mussten, bevor sie auf sie trafen, schoss ihr durch den Kopf und widersetzte sich sowohl dem Ernst der Situation, wie auch ihrem Ekel.

Als der Strahl abnahm und versiegte, erhob sie ihren tropfenden Kopf, um ihre Angreifer trotzig anzusehen, und wischte sich die Flüssigkeit mit ihrem vom Müll beschmutzten Handrücken aus den Augen. In diesem Moment ging Wodka in die Hocke und spuckte direkt auf ihre Stirn. Die zähe Flüssigkeit rann ihre Augenbrauen herunter und tropfte auf beide Wangen.

Jetzt war Wodka an der Reihe, zu sprechen. Er beugte sich zu ihr und erhob eine Hand, als ob er sie schlagen wollte, und sie schreckte vor ihm zurück. „Schlampe! Hau ab. Falls nicht, passiert das nächste Mal etwas Schlimmeres.“ Zufriedenerweise schloss er seine Hose und ging zu Knoblauch an der Metalltür.

Sie lächelten und verließen den Müllraum. Sie ließen Vanesa als durchnässte, dampfende, keuchende Gestalt in der Ecke auf dem Boden zurück.


Kladen, 1941

Die Mutter meiner Vanesa—ich fing an, sie Vanesa Senior zu nennen, wenn wir über sie sprachen, was nur selten geschah—war 1930 als Vanesa Rokeach in Kladen geboren worden, einer Industrie- und Bergarbeiterstadt mittlerer Größe nördlich von Prag. Beide Seiten ihrer Familie hatten seit mehr als vier Generationen in Kladen gelebt. Der Nachname ihres Vaters spiegelte immer noch die Tatsache wider, dass, ungefähr 100 Jahre vor ihrer Geburt, ihr Urgroßvater sowohl für Juden als auch Nichtjuden Apotheker gewesen war, obwohl er vonseiten der Behörden nur im jüdischen Viertel der Stadt seinen Geschäften nachgehen durfte. Wie tausende jüdische Gemeinden in ganz Europa waren die Juden Böhmens—darunter auch die Juden von Kladen—jahrhundertelang bestenfalls argwöhnisch und ablehnend behandelt worden. Wegen ihres wirtschaftlichen Nutzens toleriert, wurden sie, mit wechselndem Schweregrad, mit Härte behandelt und verfolgt, was von der Laune des jeweiligen Herrschers und der unbeständigen Stimmung in der Bevölkerung abhing.

Vanesa Senior, dunkelhaarig und mit warmen Augen, die den Vorgänger des Feuers, das in Vanesas Augen loderte, in sich trugen, war Tochter einer Näherin und eines Maschinisten. Der Beruf ihres Vaters war für einen tschechischen Juden ungewöhnlich, jedoch nicht so sehr in Kladen, dem Zentrum von Böhmens industrialisiertem Landesinneren—einem Landesinneren, das später wegen seiner Eisen- und Stahlwerke von der deutschen Kriegsmaschinerie begehrt wurde. Vanesa Senior verließ einst Kladen, als sie zwölf Jahre alt war, und kehrte nie wieder zurück. Kladen war, bis zum Tag ihres Todes, die vollkommene Verkörperung von Verrat—wie es auch später Prag für ihren zukünftigen Ehemann Michael wurde, dem Vater meiner Vanesa. Jede Erinnerung, die Vanesa Senior mit ihrer Tochter in Verbindung brachte, jeder glückliche Moment, jeder persönliche Kindheitstriumph, jeder Erfolg der Familie, war befleckt, unvermeidlich eingeschränkt mit „...aber das war, natürlich, bevor die...“

Das „die“, worauf Vanesa Senior sich immer wieder bezog, war amorph und ohne Namen, jagte jedoch meiner Vanesa als Kind Angst ein. Waren „die“ ebenfalls die Bedrohung, die Israel 1973 am Jom Kippur angegriffen hatte, als meine Vanesa gerade erst acht war—alt genug, um sich immer noch sowohl an die beängstigenden Sirenen, als auch an die Süßigkeiten zu erinnern, die der nette Mann von nebenan während der Stunden im Bunker des Viertels mit ihr geteilt hatte? Waren „die“ die Bedrohung, gegen die Vanesa Senior die Türen ihrer kleinen Wohnung in Tel Aviv zweifach verschloss und sich weigerte, die Wohnung zu verlassen, wenn es nicht absolut notwendig war, sodass „die“ nicht hereinkommen und stehlen, niederbrennen, zerstören oder noch Schlimmeres tun konnten? Sicherlich waren „die“ die Bedrohung, gegen die meine Vanesa die Schutzstreitmacht ihres Kinderzimmers erfand, die aus zwangsverpflichteten Teddybären und Kriegerpuppen, bewaffnet mit Schwertern aus Eisstielen, bestand. „Die“ hatten Vanesa Seniors Kindheit selbst zu etwas gemacht, was ihrer Tochter wie Gift erschien, etwas, das man hinter einem hohen Schrank verstecken sollte, das bei Berührung giftig war.

Vanesa Seniors Erinnerung schwebte wie Rauch in einem winterlichen Wald fein, jedoch penetrant in den Gedanken meiner Vanesa umher. Meine Vanesa trug Gedankenschnappschüsse ihrer Mutter, die funkelten, Geräusche, die knisterten, und grobkörnige Videos, die weinten, mit sich herum. Sie weinten meistens. Denn die überwältigende Erinnerung meiner Vanesa an ihre Mutter bestand aus Weinen, aus Tränen als endlose Permutationen flüssigen Leids. Sie ließ offen, und noch öfter hinter geschlossenen Türen, Tränen der Frustration, Tränen der Sehnsucht, Tränen der Erinnerung, Tränen der Reue und später Tränen der Angst fließen. Am Ende, als Vanesa Seniors Körper versagte, waren die Tränen getrocknet und das Weinen auf ihrem Totenbett war trocken, untröstlich und leer gewesen.

Vanesa Senior war neun Jahre alt, als sie an einem verregneten Märztag des Jahres 1939 auf der Straße Kleinerova stand, mit weit geöffneten Augen nach oben sah und zwischen die sich überlappenden Schirme ihrer Eltern gedrückt war. Die fleischige Hand ihres Bruders, die sie fest in ihrer hielt, war so schweißig, dass sie sie immer wieder loslassen musste, um ihre eigene Hand an ihrem Rock abzutrocknen. Vanesa Senior betrachtete ihre Eltern. Sie war weitaus interessierter an ihren versteinerten Gesichtern als an der scheinbar endlosen Reihe grauer Panzer und Truppentransporter, die nach Kladen hineinrollten, die den Boden erbeben ließen und die Luft mit ihren Dieselabgasen verpesteten. Sie sah aber nach oben, als mehrere Autos und Truppentransporter zuerst—wie sie es auch später in Prag tun würden—vor der düsteren Kalksteinfassade der örtlichen Zentralbank der Tschechoslowakei anhielten, wo sie eine einseitige, unfassbar große Transaktion durchführten.

In Prag „überzeugte“ der Sonderbeauftragte der deutschen Reichsbank, der die Invasionstruppen begleitete, die Direktoren der dortigen Zentralbank mit vorgehaltener Waffe, ca. 23 Tonnen Gold auf Konten der Reichsbank zu transferieren. In Kladen war die Überweisung kleiner, jedoch ebenfalls monströs.

„Wir vergessen oft“, sagte mir meine Vanesa eines Abends in ihrem besten Universitätslehrer-Tonfall, „die streng ökonomischen Überlegungen des Einmarschs der Nazis in der Tschechoslowakei und tatsächlich in ganz Europa. In der heutigen öffentlichen Wahrnehmung trägt die Nazizeit keinen Makel der Ausplünderung. Des Terrors, sicherlich. Des Völkermords. Des Verrats und geringfügiger Repressalien. Aber es ist eine Tatsache, dass Deutschland Milliarden Dollar in den Ländern gestohlen hat, in die es einmarschierte—einfach gestohlen, wie einen Laden an der Ecke auszurauben, nur in einem nationalen Ausmaß.“

Vanesa Senior verstand, dass das Auftauchen der Nazis etwas Schlechtes war. Sie erinnerte sich an die Wut ihres Vaters im Jahr davor, als er von Chamberlains feigem Münchener Abkommen las, in dem die treuesten Verbündeten der Tschechoslowakei sie auf dem Altar der Beschwichtigung der Nazis opferten. Sie verstand und fürchtete die bewaffneten Truppen mit ihren großen schwarzen Gewehren, grimmig aussehenden Helmen, langen Mänteln und gleichgültigen Augen. Was sie jedoch niemals verstand, auch nicht nach zahlreichen und geduldigen Erklärungen ihrer Eltern, war das Wesen und der Zweck dieser zweiten Nazi-Armee, bis an die Zähne mit Schachteln voller Stifte, Papiere, Formulare und Vorschriften bewaffnet. Vanesa Senior konnte Gewehre verstehen, aber über die nächsten zehn Monate hinweg, jedes Mal, wenn sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater in einer endlosen Schlange darauf wartete, dass irgendein Beamter mit Brille in wütendem, rauem Deutsch ein weiteres Stück Papier untersuchte, stempelte oder ablehnte, fragte sie sich, warum die Macht dieser merkwürdigen Armee, ihr Leben zu verändern, so unglaublich größer als die der ersten war.

Diese Armee aus Bürokraten hatte sogar ihre Identität verändert. Vorher war sie einfach nur Vanesa Rokeach gewesen, ein Schulmädchen aus Kladen, das noch nie in seinem Leben eine Sabbat-Kerze angezündet und noch nie das Innere einer Synagoge gesehen hatte. Aber nun hatten ihre Papiere und Formulare sie verändert. Sie war kein neunjähriges Mädchen mehr, das Lutscher mochte, das es liebte, Pesek zu spielen und das es zu vermeiden versuchte, seine Haare zu bürsten, bevor es zu Bett ging.

Nun war sie zu diesem Wort „Jude“ geworden. Es stand auf dem gelben Stern geschrieben, den ihre Mutter mit ganz festen, kleinen Stichen an ihren Mantel genäht hatte. Zuerst verstand sie nicht wirklich, was dieses Wort war, aber sie lernte schnell, was es bedeutete. Es bedeutete, dass sie nicht mehr ihre Schule besuchen durfte, dass sie nicht mehr im Park auf der hohen Rutsche spielen durfte und dass es kein Fleisch zum Abendessen gab. Es bedeutete, dass Vater immer öfter zu Hause blieb, unrasiert und oft verärgert.

Bald würde es sogar noch viel, viel mehr bedeuten.

1941 beschleunigte das Zentralamt für jüdische Auswanderung unter der persönlichen Leitung des berüchtigten Adolf Eichmann das Tempo. Das Amt und seine bürokratischen Abläufe waren zuerst in Wien und später in Prag geschaffen worden, um jüdischen Familien dabei zu „helfen“, das Reich zu verlassen. Dies wurde nach Zahlung aller relevanten Abgaben und Steuern erlaubt—welche gemeinhin mehr als 80% des Vermögens einer Familie betrugen. Nun konzentrierte sich das Amt hauptsächlich darauf, die Juden des Protektorats Böhmen und Mähren in eine 150 Jahre alte, dünn besiedelte, aber ausgedehnte Garnisonsstadt umzusiedeln, die nach der Mutter des österreichischen Kaisers Joseph II., Maria Theresia, benannt war. Die Juden von Kladen, Vanesa Senior und ihre Familie darunter, waren einige der ersten, denen eine „Umsiedlung“ in dieses jüdische Reichsaltersheim, ein Getto-Paradies in Terezin, angeboten wurde—heute besser unter seinem deutschen Namen bekannt: Theresienstadt.

Prag, Dezember 1991

Tränen oder keine Tränen. Ungeachtet schrecklicher, jedoch stummer Kriegserlebnisse, wusste meine Vanesa, dass die starken europäischen Empfindungen ihrer Mutter durch ihren jetzigen Zustand ernsthaft verletzt worden wären—die Haare verfilzt, ihr Mantel mit Dreck vom Boden des Müllraums verschmiert, nach Urin stinkend. Sie lachte fast über den Gedanken, aber das Lachen kam als gedämpfter Schluchzer heraus, den sie mit nicht geringer Mühe herunterschluckte, als sie an einem Pärchen vorbeiging, das Hand in Hand in der arktisch kalten Dämmerung von Prag spazieren ging. Das war bestimmt nicht die Art, wie sie sich diesen Abend vorgestellt hatte.

Sie hatte erwartet, Antworten zu finden. Wie ein Portier, der Koffer endlos lange Treppenhäuser hinauftrug, hatte sie inbrünstig gehofft, endlich die Liste der Fragen niederzuschreiben, die sich seit ihrer Kindheit angestaut hatten. Das war eine Liste, die sich seit dem Tod ihres Vaters vor einem Monat aufgebläht hatte, seit sie den Laden geerbt hatte, seit sie das Tagebuch bekommen hatte.

Sie ging mit steigender Eile weiter, sie verfiel gelegentlich in einen stolpernden, zitternden Trott. Sie stolperte auf den Stufen ihres unscheinbaren Hotels. Als sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte, sah sie an der Fassade nach oben, deren architektonischer Glanz immer noch intakt war, jedoch gut verborgen unter Jahrzehnten des Drecks der Sowjetära, wie es auch einem Großteil der Stadt erging. 1991 war Prags auffälligste Farbe grau. Die hellen Farben seiner jahrhundertealten Vergangenheit waren durch die Versäumnisse des Kollektivbesitzes und die Abgase der Zweitaktmotoren der ostdeutschen Trabant verblasst, der Wagen mit Karosserie aus Quasi-Pappe, die in den letzten Jahren in die Tschechoslowakei gekommen waren.

Ihr fiel die Geschichte über Jeden, Jemanden, Alle und Niemanden ein: es gab etwas Wichtiges zu tun und Jeder und Alle wurden gebeten, mit anzupacken. Da jedoch Jeder sicher war, dass es Jemand tun würde, tat es schließlich Niemand. Bis zur Samtenen Revolution von 1989, nur zwei Jahre zuvor, hatte Niemand besonders viel getan, um Prags architektonisches Erbe zu bewahren, da es schließlich die Aufgabe Aller war.

Der Nachtportier erkannte sie kaum, als sie durch die Lobby lief. Schlimmer noch als die Korruption, Unterdrückung und Armut, die die Sowjets aus dem Osten mitgebracht hatten, war die einzigartige russische Fähigkeit, jemanden absolut zu ignorieren, den man nicht sehen wollte.

Vanesa erinnerte sich an ihren Ausflug zum Informationsschalter des Intourist-Bereichs des Prager Flughafens, nachdem sie um 3 Uhr nachts gelandet war. Intourist war die sowjetische Agentur gewesen, die dafür verantwortlich war, die ankommenden Touristen ins Sowjetreich abzuwickeln. Unter den Zielen der Agentur fand man die Minimierung des Ausgesetztseins sowjetischer Bürger gegenüber dekadenten westlichen Einflüssen. Dies war in Prag, wie an vielen anderen sowjetischen Flughäfen, durch komplette Abgrenzung westlicher Touristen erreicht worden. In Prag benutzte man einen separaten Flügel des Flughafens. An weniger zentral gelegenen Flughäfen der Sowjetära trieb man Ausländer buchstäblich hinter Absperrungen zusammen, hinter denen sich grobe Holzbänke befanden und die von drei Meter hohen Wellblechwänden umgeben waren, die oft inmitten einer belebten Terminalhalle errichtet worden waren.

Die grünuniformierte Informationsangestellte, die in ihren dampfenden Tee in einem Glas mit Metallhalter blies, grübelte über einer Zeitung und zog gleichzeitig an ihrer übel riechenden Belomorkanal-Zigarette. Als Vanesa sich näherte, um sich über Reisemöglichkeiten in die Stadt zu informieren, hatte sie mit einem apathischen Auge aufgesehen. Ohne ihre Zigarette wegzulegen oder auch nur einen Tropfen Tee zu verschütten hatte die Angestellte mit einer eindeutig einstudierten Geste, wie ihre Nase zu putzen oder ihre Hände gegen den Wind zu halten, um sich eine Zigarette anzuzünden, eine Hand nach oben ausgestreckt, das Fenster des Informationsschalters heruntergerissen und das an einer ausgefransten Schnur hängende handgeschriebene Schild von Otevreno— geöffnet—zu Zavreno—geschlossen umgedreht. Vanesas Bitten, erst mündlich, dann mit heftiger werdendem Klopfen gegen das Informationsfenster vorgetragen, hatten die Frau nicht einmal dazu bringen können, aufzusehen. Wenn sich Vanesa direkt dort vor dem Fenster spontan selbst entzündet hätte, war sie sich sicher, dass die Angestellte lakonisch und müde nach oben gegriffen und den Feueralarm gedrückt hätte, ihre Tasse Tee immer noch in einer Hand haltend, und sich danach wieder ihrer Zeitung gewidmet hätte.

Falls sie es überhaupt bemerkt hätte.

Als sie am Nachtportier vorbeiging, fragte sich ein Teil von ihr kurz, ob er überhaupt noch atmete. Sie rannte auf einer steilen und mit Teppich ausgelegten Treppe die beiden Stockwerke zu ihrem Zimmer hoch und stocherte mit ihrem Schlüssel herum, den sie fast im Schloss abbrach. Nachdem sie das Zimmer betreten hatte, begab sie sich in die weiße Sterilität des Badezimmers. Sie befreite ihren Körper verzweifelt schichtweise von ihrer Kleidung, manche Kleidungsstücke waren schon trocken und verkrustet, andere immer noch feucht und klebrig. Sie ließ den stinkenden Haufen Kleidung in einer Ecke zurück und stieg in die Badewanne. Sie ließ das Wasser mit voller Kraft einlaufen und wartete nicht einmal ab, bis es warm geworden war, bevor sie in den reinigenden, brennenden Strom eintauchte.

Und noch immer keine Tränen.

Theresienstadt, 1941

Vanesa Seniors Vater schuftete zusammen mit 300 jüdischen Arbeitern, die losgeschickt wurden, um Theresienstadt auf seine Verwandlung in ein „Getto-Paradies“ vorzubereiten. Bis Januar des folgenden Jahres würden es fast 10.000 Juden mehr werden, zuerst aus Böhmen und Mähren, jedoch bald aus ganz Europa, die schließlich das Getto anschwellen ließen, bis die Bevölkerungsdichte einen gigantischen Durchschnitt von mehr als 130.000 pro Quadratkilometer erreichte.

Die Mitteilung darüber war im Oktober des vorhergehenden Jahres eingetroffen, ein lakonischer, eine Seite langer Brief auf Deutsch. Vanesa brachte den Umschlag aus dem Postamt mit nach Hause, sie hatte sich als Schutz gegen die Kälte des Herbstes in den langen und dicken Wollschal ihrer Mutter eingewickelt. Ihre Mutter stellte den Tee, den sie tranken, wenn Vanesa hereinkam, ab und ihre Hände zitterten, als sie den Umschlag aufmachte. Als sie die hauchdünne Seite durchlas, presste ihre Mutter ihre Knöchel gegen ihre Lippen. Sie war nicht in der Lage, den Schwall an Fragen ihrer Tochter zu beantworten.

Später, als ihr Vater nach Hause kam, erklärte er ihr, dass in dem Brief stand, dass sie umziehen würden. Er nannte es „Umsiedlung“. Sie würden in einem neuen Judenwohnbezirk leben, einem Wohnbezirk nur für Juden - die Nazis hatten den Gebrauch des Begriffs „Getto“ verboten. Sie hatten Glück, sagte er und benutzte dabei das gleiche Lächeln, das er immer aufsetzte, wenn er sie überzeugen wollte, etwas zu essen, was er selbst nicht mochte. Da er ein Teil der „Vorhut“ war, würden sie sich aussuchen können, wo sie wohnen wollten.

Das, zumindest, stellte sich als wahr heraus.

Am 22. Februar 1942 kam Vanesa mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Nicklas mit dem Transport Y aus Kladen in Theresienstadt an, um sich wieder mit ihrem Vater zu vereinen. Die Eisenbahnschienen, die sich bis innerhalb der Mauern des Gettos von Theresienstadt erstrecken sollten, würden nicht von Juni des nächsten Jahres fertiggestellt sein, gebaut von 300 jüdischen Sklavenarbeitern mit Vanesas Vater zusammen. Sie und ihre Familie, zusammen mit Zehntausenden weiterer Juden, mussten drei nasskalte Kilometer von der Endstation in Bauschowitz zu Fuß gehen. Ihr Weg führte sie durch das Dorf: Vorbei an gelangweilt aussehenden Nazi-Wachen, die alle 100 Meter entlang des baumlosen, gepflasterten Wegs postiert waren. Vorbei an zahllosen Augen, die hinter den Vorhängen der Fenster hinaussahen und sich die makabre Parade ansahen. Vorbei an den unverschämteren Dorfbewohnern, die sich an Straßenecken sammelten und schamlos den Vorbeimarschierenden Essen zu extremen Wucherpreisen anboten.

Mit ihren schweren Koffern, die sie mit ihren nun schmerzenden Armen hielten, erreichten sie nach mehreren Stunden die dicken, schneebedeckten, mit Ziegeln überwölbten Wälle von Theresienstadt. Die Barrikade aus Stacheldraht war entfernt worden und man ließ sie ins Getto marschieren, das für die kommenden drei Jahre ihr Zuhause sein würde. Nicklas wimmerte leise, als ihre Mutter sie weiterstieß, seine Hand lag nicht mehr verschwitzt in ihrer.

Entsprechend dem Versprechen ihres Vaters genossen sie „privilegierte“ Privatquartiere, als sie erst einmal in Theresienstadt ankamen, obwohl die Familie schon bald getrennt wurde. Die Nazis wiesen ihnen eine zugige Dachwohnung in der Nähe der Dresden-Baracken, in der Nähe des nördlichsten Walls der Festung, wo ihr Vater arbeitete, zu. Eine schmale Eisentreppe schraubte sich an der Rückseite des Gebäudes im baumlosen Hinterhof zur niedrigen Wohnungstür empor. Die Wohnung war ein dunkler, zwanzig Quadratmeter großer Raum, der in der Mitte durch eine grobe Regalwand getrennt wurde, die den dürftigen Kleiderschrank der Familie beherbergte. Ihre sorgsam gepackten, beschilderten und gewogenen Koffer wurden bei ihrer Ankunft sofort konfisziert und nie zurückgegeben.

„Wir müssen und fragen“, belehrte mich meine Vanesa einmal, „warum die Deutschen sich die Mühe machten, sie entsprechend solch strenger Bestimmungen packen zu lassen, wenn sie doch wussten, dass ihnen sofort nach ihrer Ankunft in Theresienstadt die Koffer abgenommen werden würden. Die Antwort ist einfach: Die Macht der Hoffnung. Der gleiche Grund, aus dem die Gaskammern in Auschwitz Haken hatten, damit die Menschen vor dem „Duschen“ ihre Kleidung aufhängen konnten. Hoffnung, auch wenn man bewusst oder unbewusst weiß, dass es falsche Hoffnung ist, ist etwas Tolles, um Situationen zu normalisieren. Wenn sie nicht da ist, treiben wir vor uns hin und sind unberechenbar, und Berechenbarkeit war bei den Plänen der Nazis das Schlüsselelement. Sie wussten, dass Menschen, die für ihre Umsiedlung gepackt hatten, viel wahrscheinlicher kooperieren würden als Menschen, die mitten in der Nacht aus ihren Häusern geholt wurden, und dass Menschen, die für ihre Fahrkarten nach Auschwitz bezahlen mussten, wahrscheinlicher ruhig in den Zug einsteigen würden.“

Der kleine Grundriss der Wohnung wurde von kleinen, in die Wände eingelassenen Schlafkojen flankiert. Ein kleiner Holzofen, nicht viel größer als ein großer Suppentopf, erblühte am Ende des zugigen Kamins, dessen armseliges Austrittsfenster im Winter kalte Luft und im Frühling Moskitos hereinließ.

Und dann ... gab es nichts mehr. Vanesa Senior sprach nie von den Jahren zwischen der Ankunft in der Dachwohnung in Theresienstadt im Jahre 1942 und der Begegnung mit ihrem Ehemannes, Michael, im DP-Lager auf Zypern im Jahre 1946.

Meine Vanesa wusste, dass ihre Mutter bis fast zum Kriegsende in Theresienstadt blieb und dann nach Auschwitz geschickt wurde. Sie wusste, dass weder ihre Großmutter, noch ihr Großvater oder Onkel Nicklas den Krieg überlebt hatten. Den Rest musste sie sich vorstellen und später Stück für Stück selbst in Erfahrung bringen.

Manchmal träumte sie davon, dass Vanesa Senior eine Widerstandskämpferin gewesen war, die sich in der Kanalisation versteckte, überraschend an Orten auftauchte und still die Kehlen argloser Nazis aufschlitzte. Oder eine furchtlose Saboteurin, eine Fabrikarbeiterin, die tagsüber die Munitionsproduktion sabotierte und nachts im Kerzenschein Anti-Nazi-Schriften druckte. Oder sogar eine Krankenschwester, die sich um die Kranken, die Alten und die Kinder des Gettos kümmerte. Alles, dachte meine Vanesa, alles, nur das nicht, was Vanesa Senior am wahrscheinlichsten war, nachdem ihre Mutter und ihr Vater beide mit einem der zahllosen Transporte, von denen niemand mehr zurückkam, nach Osten geschickt worden waren: eine schäbige Getto-Waise, verlaust, in Lumpen gekleidet, im Dreck nach schwarzen Kartoffeln suchend, aus Lieferwagen stehlend, wenn sie die Küchen wieder verließen.

Später, als sie mehr erfuhr, stellte sich meine Vanesa eine andere Szene vor. Sie träumte, dass neun Monate nach der Ankunft ihrer Mutter in Theresienstadt, als ihr Interesse an der Umgebung noch nicht durch Einsamkeit, Hunger und Gerüchte über den nächsten Transport erloschen war, Vanesa Senior vielleicht eines Tages im Juli 1942 aus dem verstaubten Fenster im dritten Stock der drückend heißen Baracke gesehen hatte. Sie hatte vielleicht einen kleinen Jungen in ihrem Alter gesehen, der sich hinter seiner Mutter und seinem Vater die dampfenden, vom Regen noch nassen Straße hinunter kämpfte. Sie hatte vielleicht seine Arme gesehen, die einen kleinen ledernen Kinderhandkoffer umklammerten, der deutlich in weißer Farbe mit seinem Namen, Transportnummer und Ziel beschriftet war. Wenn Vanesa Senior Näher hinsah, hatte sie ihn vielleicht eine Pause machen sehen, während er vorsichtig auf dem Gehsteig saß, damit seine Hose nicht nass wurde, als sein Vater nach dem Weg zu den Quartieren fragte, die ihnen von den Nazis zugewiesen worden waren. Sie hatte vielleicht ihren zukünftigen Ehemann Michael gesehen, wie er sich die baumlosen Straßen ansah, den rissigen Putz der Gebäude und die unebenen Pflastersteine in sich aufnahm, über die morgens die Wagen klapperten. Manche brachten dünne Suppe oder schimmeliges Brot, andere sammelten die Toten der Nacht ein.

Und vielleicht, aber nur vielleicht, hatte sie gesehen, wie er einen Zweig fand und geistesabwesend das Symbol in den Dreck ritzte, das er vor Kurzem zum ersten Mal in Prag gesehen hatte:


Prag, Dezember 1991

Sie rief mich nicht an. Ich bin nie darüber hinweggekommen, obwohl ich wusste, wie wichtig Onkel Tomas für sie damals war, obwohl ich wusste, dass ich an jenem Abend sowieso nicht zu Hause gewesen war. Ich erlaube mir den irrationalen Luxus der Entrüstung. Ich sage mir, dass ich ihr Ehemann war, verdammt noch mal. Sie hätte sich zuerst an mich wenden sollen, vor allem im Lichte dessen, was sie gerade zu entdecken dabei war. Als ob ich meine Pflichten als Ehemann irgendwie aufgegeben hätte, als ob ich derjenige so Gestörte gewesen wäre, dem es an der Fähigkeit zu lieben mangelte.

Sie hätte mich anrufen sollten. Aber sie tat es nicht.

Als kleine Rache für ihre Störung seiner spätabendlichen Dichterei stellte der gleichgültige Nachtportier sicher, dass ein Durchkommen zu Onkel Tomas in Israel so schwierig wie nur möglich wurde.

Sie saß auf der vornehmen, aber dennoch staubigen Bank in der gläsernen Telefonzelle für Ferngespräche in der Lobby des Hotels. Sie hörte viele Minuten lang dem kratzenden Klicken zu - wie wenn tausende kleine Kätzchen auf Schleifpapier kratzen - und wartete darauf, den Mann zu sprechen, der in der Lage war, ihr Tränen zu entlocken.

Onkel Tomas nahm den Hörer mit einem verärgerten und schläfrigen „Hallo“ ab, erkannte jedoch sofort Vanesas Keuchen in der Ferne. Er sagte ein Wort, Kotě - Kätzchen, seit ewigen Zeiten sein Kosename für sie. Dann, so wie er es, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, immer getan hatte, wartete er darauf, dass ihre Tränenflut kam und wieder versiegte, während er einfach zuhörte und hin und wieder tröstende Worte sprach. Als ihre Tränen sich zu einem Tröpfeln verlangsamten, sprach er und fragte sie in seiner sanften Stimme eines alten Mannes, was passiert sei.

Sie erzählte ihm sofort die Geschichte und stellte sich vor, dass er ernst nickte, über sein Kinn strich und darüber nachdachte, was sie sagte.

Er nahm sie immer ernst, auch wenn ihr Begehren nur ein einfacher Kinderstreit war. „Und was denkst du, sollten wir jetzt tun, Kotě?“, sagte er immer, nachdem sie geendet hatte, und dann fasste er prägnant, aber fehlerfrei den Hauptpunkt der Auseinandersetzung, den sie erzählt hatte, zusammen, um zu unterstreichen, dass er zugehört hatte.

Ihr eigener Vater nickte immer klug und gab vor, zuzuhören, aber er konnte kaum wiedergeben, was sie gerade gesagt hatte, egal in welchem Alter. Ihre Mutter brach bei der ersten Erwähnung von irgendetwas, das auch nur im entferntesten nach einem Konflikt aussah, immer fast in Tränen aus.

Aber Onkel Tomas hörte wirklich und aufrichtig zu.

Und er hörte ihr auch jetzt zu, trotz der Tageszeit, trotz des R-Gesprächs und trotz Vanesas schniefen aus der Ferne. Auf ihren wiederholten Satz hin, „Was meinten sie damit, dass ich die Leute nerve?“, vermutete er, dass ihre westliche Kleidung, dass sie ganz klar keine Tschechin war, und dass sogar ihr Jüdischsein leicht einen Affront für verbitterte Überreste der kürzlich beendeten kommunistischen Ära darstellen konnte. Sie hatte gesehen, wie sie ihr Hotel verlassen hatte, vermutete er. Vielleicht hatten sie auch mit dem unbekümmerten Nachtportier gesprochen und herausgefunden, dass sie eine Israelin war. Sie hatte Glück gehabt, sagte er, dass es nicht schlimmer gekommen war.

„Aber was wir tun müssen, ist, daraus zu lernen, Kotě. Wirst du jetzt nach Hause kommen? Ich mache mir Sorgen um dich. Diese Reise, das war eine schlechte Idee. Es kann nichts Gutes dabei herauskommen, bei diesem Herumschnüffeln in der Vergangenheit. Lass es dir von einem alten Mann sagen - sieh nach vorne, nicht zurück.“

Er war nicht überrascht, dass sie es kategorisch ablehnte, auch nur darüber nachzudenken, mit ihrer Suche aufzuhören. Er wusste, dass das dickköpfige kleine Mädchen, dem er einst seinen Rat gegeben hatte, zu einer dickköpfigen jungen Frau geworden war - eine junge Frau, „so hartnäckig wie ein Kätzchen mit einer Kakerlake“, sagte er einst im Spaß, und der Spitzname war geblieben. Aber er hatte recht.

Die Hartnäckigkeit eines Volkes, das von der Weltgemeinschaft auf seinem Weg zur Staatlichkeit kein „Nein“ akzeptiert hatte, schien sich in der jungen Vanesa verkörpert zu haben, die selbst israelische Standards von „Hingabe zu einer Mission“, wie es die israelischen Streitkräfte ausdrückten, übertraf. Angefangen beim Erlernen des Fahrradfahrens an einem einzigen Tag voller aufgeschürfter Knie und geprellter Ellenbogen, über den Gebrauch der selben Ellenbogen, um sich als junge Reporterin während ihres Wehrdienstes in der wettbewerbsorientierten Welt der Radiostation der Streitkräfte, Galey Zahal, durchzusetzen, bis zu dem Punkt, sich zu einem Master-Grad cum laude in Moderner Geschichte und einem Doktortitel der Universität von Tel Aviv durchzukämpfen - Vanesa war die Hartnäckigkeit in Person.

Sie war ein Mädchen, wie er sich selbst vermutlich daran erinnerte, als er den Hörer auflegte, als er ihr vage versprochen hatte, seinen Freund anzurufen und herauszufinden, was passiert war, die bei Eltern aufgewachsen war, die sie nie wirklich gekannt hatte. Nun war sie absolut gewillt, große Anstrengungen auf sich zu nehmen, um endlich zumindest einen Elternteil zu kennen.

Der Vater meiner Vanesa, Michael Neuman, wurde 1931 in Prag geboren, in einem Jahr, in dem sie noch junge Tschechoslowakei den Schauer verspürte, den Fahrer auf einer Achterbahn auf dem höchsten Punkt verspüren, nur Augenblicke, bevor sie ins Ungewisse stürzen. Gerade vor Hitlers Aufstieg im Jahre 1933 im benachbarten Deutschland wuchs das Land, nur dreizehn Jahre zuvor auf den Überresten des Österreichisch-Ungarischen Kaiserreichs gegründet, ökonomisch so stark, dass es auf einem guten Weg war, zur zehntgrößten Wirtschaft der Welt zu werden. Skoda Automobile, Prager Schinken, Pilsner Bier - tschechoslowakische Produkte wurden überall in Europa nachgefragt.

Sogar als österreichische und deutsche Banken im Sog der weltweiten Depression, die 1929 in den Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm, zugrunde gingen, blieb die tschechoslowakische Wirtschaft robust ... zumindest bis auf Weiteres. Das war die Ära der Prominenz und der fast weltumfassenden Wertschätzung für den hartnäckigen und scheinbar ewig lebenden Gründungsvater und Präsidenten des Landes, Tomas Masaryk. Im Schoße des Wohlergehens des Landes gediehen kleine Geschäfte, wie das von Jakub Neuman, dem Großvater meiner Vanesa.

Der beengte, feuchte und scheußliche Laden, in dem viele seiner Arbeiten zu sehen waren, war in einem Hinterhof in der Nähe des Wenzelsplatzes versteckt, nur einen Block vom riesigen und stattlichen Gebäude des Nationalmuseums entfernt. Man konnte ihn durch eine lange dunkle Passage unter dem zur Straße blickenden Gebäude erreichen, deren Eingang an einer Seite von einem Café und an der anderen von einem Friseurladen flankiert wurde. Sein Laden war ein Mekka für Prags elitäre Jagd- und Naturalistengemeinde.

Nicht wie die giftigen Erinnerungen ihrer Mutter war Michaels Kindheit, wie er sich meiner Vanesa gegenüber erinnerte, „idyllisch“ gewesen. Idyllisch. Das war genau das Wort, das er benutzte, wie sie mir sagte. Idyllisch, im Herzen einer aufblühenden europäischen Hauptstadt, einer Mischung aus von Pferden gezogenen Wagen und Autos, die den zentralen Platz der Stadt verstopften. Das war, wo ihr Vater gespielt hatte, mit dem tagtäglichen Dröhnen der Straßenbahn, wo er in einer kleinen Wohnung über dem Laden gewohnt hatte.

„Das ist nicht meine Definition von Idylle“, sagte sie einmal, „und ich habe immer versucht, mir vorzustellen, was er meinte. War es eine Art von Ruhe, die er in der Stadt gefunden hat? Waren es die Jagdausflüge, die er mit meinem Großvater unternahm? Oder hatte er eine andere, innere Definition von Idylle im Sinn? Vielleicht meinte er angesichts dessen, was danach kommen sollte, in Wirklichkeit einfach, verständlich oder einfach nur sicher?“

Sie fragte ihn nie und er erklärte es nie.

Je mehr ich daran denke, desto mehr stelle ich Vanesas Fähigkeit infrage, es jemals zu verstehen. Sie wuchs ebenfalls im Herzen einer Stadt auf - einer Stadt, in der die Natur besiegt worden war und in der die Menschen ohne Angst vor dem täglichen Überlebenskampf lebten, im eigenen Saft schmorend, in sich selbst versunken, Fragen über sich selbst stellend und in Angst vor sich selbst lebend. Was wusste sie schon von Idylle?

Wie Vanesa Senior, seine zukünftige Frau, war Michael neun Jahre alt, als die deutsche Armee in Prag einmarschierte. Wie sie konnte auch er sich an die grimmigen Gesichter seiner Eltern erinnern, an das Poltern der LKWs und Panzer, an das Stampfen der Füße in Lederstiefeln, und an die Wut der Menschen um ihn herum, die sorgfältig eingeschlossen wurde, wie böhmisches Kristall unter Schichten von wollenem Egoismus verpackt, und nur bei privaten Flüstereien herausgelassen wurde.

Meine Vanesa wusste, dass Michael und seine Familie im Juli 1942, als die Nazis Umsiedlungen der jüdischen Bevölkerung Prags verschärften, nach Theresienstadt geschickt worden waren. Sie wusste, dass Jakub, wie Vanesas Vater in Kladen, eines Tages einen Brief erhielt, der ihn anwies, sich zusammen mit seiner Familie an jenem warmen Morgen im Juli am Hlavni Nadrazi - Prags zentralem Bahnhof - zu melden, und der ihn darüber informierte, was er mitnehmen und was er nicht mitnehmen durfte.

„Was für harmlos erschreckende Briefe müssen das wohl gewesen sein“, belehrte mich meine Vanesa. „Geschichte kann wirklich lebendig werden, wenn man sich selbst in einer bestimmten Situation vorstellt. Versuch zu fühlen, was mein Großvater gefühlt haben muss, als er ein dünnes mit Schreibmaschine geschriebenes Papier in der Hand hielt, das sein ganzes Leben verändern sollte. Kannst du das? Kannst du dir das wirklich vorstellen?“

Sie mochte es, mich herauszufordern, aber ihre Motive waren kaum pädagogischer Natur. Diese besondere Herausforderung, wie tausende anderer ihrer Art, wurde entworfen, um emotional zu beweisen, wie unsensibel ich war - wie sehr es mir an Empathie mangelte, wie unfähig ich war, das riesige Meer aus Leid zu verstehen, das sie durchquerte, als sie das bisschen zusammenfügte, was sie über die Reise ihres Vaters nach Theresienstadt wusste.

Aus ihren Nachforschungen wusste Vanesa, wann ihre Familie Prag verlassen hatte, und von welchem Bahnhof aus. Sie wusste, dass Michael und Jakub kurz darauf wieder nach Prag zurückkamen, was eine Seltenheit war, da nicht viele der nach Theresienstadt geschickten Prager Juden kamen lebend wieder zurück. Sie wusste, dass ihre Großmutter, Alena, zu krank für die Reise in Theresienstadt zurückblieb, wie Onkel Tomas sagte. Und Vanesa wusste, dass weder ihr Vater noch Großvater Alena jemals wieder lebend gesehen hatten.

„Und das war alles, was ich jemals gewusst habe“, sagte sie. Wie bei ihrer Mutter begann das Leben von Vanesas Vater in den 1930ern und setzte sich in den 1950ern fort, aber die meisten Jahre dazwischen waren leer, oder zumindest verschwommen, wie eine Kohlezeichnung, die mit der Seite einer Hand unkenntlich verwischt worden war. Sie hatte aber auch niemals auf Einzelheiten gedrängt.

„Das größte Geheimnis meines Lebens und ich konnte mich nie überwinden, danach zu fragen. Was, wenn sie gedacht haben, dass es mir egal wäre?“, fragte sie mich niedergeschmettert, aber dennoch rhetorisch, an einem Abend nach Michaels Tod. Sie hatte trockene Augen und wirkte abwesend, als ob sie den Verlust der Geschichte ihres Vaters genauso betrauerte, wie den Verlust des Mannes selbst.

Sie wusste so wenig von Michael. Er hatte aufrichtig versucht, freundlich, väterlich, liebevoll zu sein und an ihrem Leben teilzuhaben. Er war immer da, um zu versuchen ihr bei den Hausaufgaben zu helfen, und versuchte sie für Kunst zu interessieren, der er sich so intensiv widmete. Er erschuf Schönheit, sagte er, und Schönheit sei kompromisslos. Aber, wie die meisten von uns, übertraf er sich darin, die Mängel an dem zu erkennen, was er gerade erschaffen hatte, während er denen gegenüber blind blieb, die er in sich trug.

„Er war da, aber nicht wirklich. Es war, als ob er durch die Veränderungen des Lebens hindurchging und die Rolle des im Grunde genommen netten Vaters wirklich, wirklich gut spielte. Aber es war immer noch ein Schauspiel, eine Persona, die er annahm, und natürlich gab es Risse in dieser Persona. Er hat niemals über den Krieg gesprochen. Ich habe es ein paar Mal versucht, besonders, als wir ihn in der Schule zu behandeln anfingen. Er war höflich und lächelte, aber ich habe sehr früh die Botschaft von ihm und meiner Mutter bemerkt, dass das nichts war, worüber wir sprachen.“

Es gab jedoch einen einzigen, aufschlussreichen Abend, als sie einen direkten, wenn auch zufälligen Blick auf die Tiefe des Leids ihres Vaters erhaschte. „Es war wie durch das Fenster einer Folterkammer zu sehen. Man kennt mehr oder weniger das Wesen dessen, was man sehen wird, und ein Teil von dir will es gar nicht sehen. Andererseits gibt es nichts, was dich davon abhalten kann, hineinzusehen, wenn du die Gelegenheit hast“, sagte sie.

Sie war sechzehn gewesen und der Tod ihrer Mutter vier Jahre zuvor war noch immer eine offene Wunde, die in der Stille der kleinen, aufgeräumten Wohnung über dem Laden eiterte. Der abgerundete Balkon der Wohnung im Bauhaus-Stil bot einen Blick über die beengte Kreuzung der Straßen Nahalat Binyamin und Levinsky. Es war schon spät. Sie war mit Freunden ausgegangen. Der Winterregen peitschte gegen die Fenster und sie fühlte sich kalt und nass, da sie ihren Regenschirm vergessen hatte. Ihre Turnschuhe waren durchnässt und ihre Zehen fühlten sich kalt an. Das Licht in der Wohnung war abgedunkelt, als sie oben ankam. Ein kratzig klingendes Konzert von Dvorak ertönte aus dem Kassettenspieler - das Cello hier weinend, dort flehend, nun verlangend, nun in strahlende Pracht ausbrechend, als ob all seine Wünsche erfüllt worden wären.


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